Denkmalpreis 1987

Der „Wastl-Bauernhof“ in Siegsdorf

Am „Hammerer Nockt“, zwischen Siegsdorf und Inzell, zweigt von der Deutschen Alpenstraße ein schmales Bergsträßchen ostwärts ab und windet sich auf der Trasse der alten Salzstraße durch dichten Wald zur Talterrasse von Wagenau empor, die mit ihren 740 m Höhe seit jeher nur karge Ernten zuließ.

Alte Hof- und Flurnamen geben hier noch heute Rätsel auf: Marterlehen, Totenleiten, Stiegelleiten, Lehenland. Schon das Güterverzeichnis im Urbarium des Herzogs Otto von Niederbayern (1308-1313) nennt hier einen „Eberhard ab der Mawer“ und von da an taucht der Ortsname Mauer immer wieder im Zusammenhang mit den „Edlen von Mauren“ auf, die schon um 1200 bei Reichenhall nachweislich sind. Am Kreuzpunkt zweier alter Hohlwege liegt hier in weltferner, idyllischer Lage der „Wastl-Bauernhof“. Das Baudatum dieses Hofes ist an der Laubentür mit 1762 angegeben und die zugehörigen Initialen IRD – Josef und Rosina Dufter – weisen schon auf die heutige Besitzergeneration hin. Der Verfall des einstmals prächtigen Hofes hatte schon 1912 begonnen, als der damalige Hoferbe seinen Betrieb ins Tal verlegte und den alten Hof nur noch im Sommer als eine Almhütte nutzte. Der Hof war schließlich so verfallen, dass 1973 eine Transferierung ins neue Freilichtmuseum „Auf der Glentleiten“ erwogen wurde. Als dann aber ein Kirchenmaler gut erhaltene Fresken unter zentimeterdicken Putzschichten freilegte, stand für Josef Dufter und seine Familie fest: Dieses Kleinod der Familiengeschichte bleibt an Ort und Stelle erhalten. Unter größten persönlichen Opfern hat die Familie Dufter das scheinbar Unmögliche geschafft – mit Hilfe eines begeisterten Architekten aus dem weiteren Familienkreis gelang eine Restaurierung und originalgetreue Ergänzung, die bis heute als vorbildlich und wegweisend gilt. Die schon früh einsetzende fachliche Betreuung der Denkmalpflege brachte erst viel später auch finanzielle Hilfe. Der „Wastl-Bauernhof“ gilt heute als das prächtigste Beispiel eines „Traunsteiner Gebirgshauses“ – einer lokal begrenzten hauslandschaftlichen Mischform: Der Grundriss des Wohnstallhauses und die meisten baulichen Leitmerkmale sind typisch für den Salzburger Flachgauhof. Der äußere Habitus ist vom Schmuck- und Formenreichtum des südbayerischen Einhofes geprägt. Eine Altane umzieht den ganzen Oberstock, der in reich verziertem Blockbau gezimmert ist. Die Giebelfront schmückt eine weitere Hochlaube unter weit ausladendem Vordach. Das flache Satteldach wurde wiederum in traditioneller Technik mit Legschindeln und Abschwersteinen gedeckt und mit einem Glockentürmchen verziert.

Schon durch diese Attribute wirkt der Hof wie der Inbegriff eines barocken bayerischen Bergbauernhofes. Eine außergewöhnliche Kostbarkeit ist aber der reiche Freskenschmuck, der schon an den Fassaden die wichtigsten Gestalten des bayerischen Bauernhimmels aufzeigt. Die größte Überraschung sind die Fresken im Flez mit ihrer ausgefallenen Thematik: Altöttinger Gnadenbild, Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, Jesus mit den Jüngern am Ölberg, Jesus sucht nach der Geißelung blutüberströmt seine Kleider, Marienkrönung, Jesus an der Geißelsäule, Maria Magdalena als Büßerin mit Geißel und Totenkopf. Das Innere des Hauses spiegelt heute wieder die ganze Fülle bäuerlichen Lebens der Barockzeit. Der mächtige Hinterlader-Kachelofen wärmt die Stube, aus der sich eine enge Kammerstiege in die Schlafkammer emporwindet. Unter den Sitzbänken findet sich der Verschlag für die Hühner, die an der Stubenwärme teilhaben und durch ein „Henna-Loch“ nach Belieben ins Freie treten konnten. In der überwölbten Rauchkuchl kann man auf mächtigem, gemauerten Herdtisch unter hölzernem Rauchhut wieder das offene Herdfeuer entzünden. In der Stube tickt die angejahrte Pendeluhr in ihrer tiefen Mauernische. Josef Dufter weiß noch heute sein Kleinod mit allerlei kulturellem Leben zu füllen und begeistert so Fremde und Einheimische.
(Text: Paul Werner)

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